Zwischen Bingen und Koblenz zwängt sich der Rhein auf rund 65 Kilometern durch ein enges Schiefertal, und an fast jeder Flussbiegung steht eine Burg, eine Festungsruine oder ein Zollturm. Das Obere Mittelrheintal, seit 2002 UNESCO-Welterbe, gilt als die Landschaft mit der höchsten Burgendichte Europas: Rund 40 Anlagen reihen sich hier aneinander, dazwischen liegen Weinberge in Steillage, Fachwerkstädtchen und der meistbefahrene Schifffahrtsweg des Kontinents.

Dieser Artikel führt zu den wichtigsten Stationen des Tals – vom Loreley-Felsen über die nie zerstörte Marksburg bis zur Zollburg Pfalzgrafenstein mitten im Strom – und macht einen Abstecher an die Mosel, wo Burg Eltz seit dem 12. Jahrhundert im Wald des Elzbachtals steht. Dazu kommt das Praktische: Wie man das Tal per Schiff, Bahn oder Auto bereist, wo der Riesling am besten schmeckt und welche Orte sich als Standquartier eignen.

Das Obere Mittelrheintal: Europas dichteste Burgenlandschaft

Warum stehen ausgerechnet hier so viele Burgen? Die Antwort ist nüchtern: Geld. Der Rhein war im Mittelalter die wichtigste Handelsstraße zwischen den Niederlanden und Oberitalien, und wer einen Felsen über dem Fluss besaß, konnte Zoll erheben. Erzbischöfe, Pfalzgrafen und Grafenhäuser wie die Katzenelnbogener bauten ihre Zollstationen in Sichtweite zueinander – im Durchschnitt alle zweieinhalb Kilometer eine Anlage. Viele wurden im Pfälzischen Erbfolgekrieg Ende des 17. Jahrhunderts geschleift, im 19. Jahrhundert entdeckte die Rheinromantik die Ruinen wieder und baute einige davon zu Wohnschlössern um.

Das Welterbegebiet reicht von Bingen und Rüdesheim im Süden bis Koblenz im Norden, wo die Mosel in den Rhein mündet. Der Fluss beschreibt hier enge Kurven, das Tal ist stellenweise so schmal, dass nur Bahnlinie, Uferstraße und eine Häuserzeile zwischen Wasser und Felswand passen. Brücken gibt es zwischen Mainz und Koblenz keine – wer die Seite wechseln will, nimmt eine der Autofähren, etwa zwischen St. Goar und St. Goarshausen oder zwischen Bingen und Rüdesheim.

Die Loreley: Fels, Legende und Aussicht

Bei St. Goarshausen ragt der Loreley-Felsen 132 Meter über den Rhein. An seinem Fuß ist der Fluss so eng und tief wie an keiner anderen Stelle zwischen der Schweiz und der Nordsee, die Strömung ist tückisch, und jahrhundertelang zerschellten hier Schiffe an den Riffen. Aus dieser realen Gefahr entstand die Sage von der schönen Jungfrau, die auf dem Felsen sitzt, ihr goldenes Haar kämmt und die Schiffer mit ihrem Gesang ins Verderben lockt. Weltberühmt machte sie Heinrich Heine, dessen Gedicht von 1824 – vertont von Friedrich Silcher – bis heute zum Kanon deutscher Lieder gehört.

Oben auf dem Felsplateau liegt heute ein Kultur- und Landschaftspark mit Besucherzentrum und einer Aussichtsplattform direkt über der Felskante. Der Blick geht flussauf und flussab über die Doppelkurve des Rheins, auf die Burg Katz und die Dächer von St. Goarshausen – bei klarem Wetter einer der besten Punkte, um zu verstehen, warum dieses Tal Maler und Dichter des 19. Jahrhunderts so beschäftigt hat. Hinauf kommt man mit dem Auto, mit dem Bus ab St. Goarshausen oder zu Fuß über den Treppenweg vom Ort aus, Teil des Rheinsteigs.

Die Burgen am Mittelrhein

Man kann im Mittelrheintal wochenlang Burgen besichtigen. Wer nur wenige Tage hat, konzentriert sich am besten auf vier Anlagen, die zusammen die ganze Bandbreite zeigen: eine intakte Höhenburg, eine gewaltige Festungsruine, eine Zollburg im Fluss und ein Burgenpaar, das man am besten vom Schiff aus betrachtet.

Marksburg: die Unzerstörte

Hoch über Braubach steht die Marksburg – die einzige Höhenburg am Rhein, die nie zerstört wurde. Während ringsum Franzosen, Schweden und der Zahn der Zeit ganze Arbeit leisteten, blieb sie über 700 Jahre bewohnt und intakt. Heute ist sie Sitz der Deutschen Burgenvereinigung und lässt sich ausschließlich mit Führung besichtigen, was sich lohnt: Man steigt durch Reitertreppe und Batterien hinauf, sieht Burgküche, Rittersaal, Kemenate und eine Waffensammlung und bekommt nebenbei erklärt, wie das Leben auf einer mittelalterlichen Burg tatsächlich aussah – deutlich unbequemer, als es die Rheinromantik gemalt hat. Führungen finden täglich statt, der Eintritt liegt bei ca. 10–13 €.

Burg Rheinfels: Festungsruine über St. Goar

Die Burg Rheinfels über St. Goar war einst die größte Festungsanlage am Mittelrhein. 1245 von Graf Diether V. von Katzenelnbogen gegründet, wuchs sie über Jahrhunderte zu einem weitläufigen System aus Bastionen, Kasematten und unterirdischen Minengängen. 1797 sprengten französische Revolutionstruppen die Anlage, doch selbst als Ruine ist sie eindrucksvoll: Man wandert durch Kellergewölbe und über Wehrgänge, ein Teil der Stollen ist mit Taschenlampe begehbar. Vom Uhrturm reicht der Blick über den Rhein bis zur Loreley. Für den Rundgang sollte man anderthalb bis zwei Stunden einplanen, festes Schuhwerk ist sinnvoll.

Pfalzgrafenstein: die Zollburg im Strom

Die ungewöhnlichste Burg des Tals steht nicht über dem Rhein, sondern mitten darin: Die Burg Pfalzgrafenstein, kurz „die Pfalz", wurde im 14. Jahrhundert auf einem Felsriff vor Kaub errichtet und diente einzig dem Zweck, Zoll zu kassieren. Wie ein steinernes Schiff mit weiß-rotem Anstrich liegt sie im Strom, mit spitzem Bug gegen die Strömung gebaut. Kein Angriff hat sie je erobert, kein Hochwasser sie zerstört. Übersetzen kann man mit einer kleinen Personenfähre ab Kaub; drinnen erwarten einen karge Wachstuben, ein Verlies und der beste Eindruck davon, wie einsam der Dienst auf einer Zollstation im Fluss gewesen sein muss. Die Fähre verkehrt nicht bei Hochwasser und Eisgang – vorher die Betriebszeiten prüfen.

Burg Katz und Burg Maus

Über St. Goarshausen thront die Burg Katz, gebaut von den Grafen von Katzenelnbogen, wenige Kilometer flussabwärts bei Wellmich die Burg Maus des Trierer Erzbischofs. Die Namen sind ein Stück mittelalterlicher Propaganda: Die Katzenelnbogener fanden, ihre Burg werde die kleinere Konkurrenz fressen wie die Katze die Maus. Beide sind heute in Privatbesitz und nicht regulär zu besichtigen – aber das macht wenig, denn ihre beste Seite zeigen sie ohnehin von außen. Vom Schiff oder vom gegenüberliegenden Ufer aus gehören sie mit der Loreley zur klassischen Kulisse des Tals.

Burg Eltz: das Original im Elzbachtal

Für die bekannteste Burg der Region muss man den Rhein verlassen. Burg Eltz steht gut 30 Kilometer westlich in einem Seitental der Mosel, auf einem Felssporn in einer Schleife des Elzbachs, ringsum nichts als Wald. Genau diese Lage hat sie gerettet: Abseits der großen Heerstraßen wurde sie nie erobert und nie zerstört. Seit dem 12. Jahrhundert gehört sie derselben Familie – die Grafen von Eltz bewohnen sie heute in der 33. Generation – und ihre Silhouette aus Türmen, Erkern und Fachwerkaufbauten wirkt wie die Idealvorstellung einer Ritterburg, ist aber über 850 Jahre gewachsene Realität.

Besichtigen lässt sich die Burg von April bis Anfang November; die Führung zeigt Rüstkammer, Rittersaal und die original eingerichteten Wohnräume, die Schatzkammer mit Gold- und Silberarbeiten kann man einzeln besuchen. Der schönste Zugang ist der Fußweg von Moselkern: Vom Bahnhof des Weinorts führt ein durchgehend beschilderter Weg durch das stille Elzbachtal, ab dem Wanderparkplatz an der Ringelsteiner Mühle sind es noch rund 35 Minuten, bis die Burg zwischen den Bäumen auftaucht – einer der besten ersten Blicke, den eine deutsche Burg zu bieten hat.

Stayhaus-Tipp: Kommen Sie zur Burg Eltz möglichst zur Öffnung am Morgen. Ab dem späten Vormittag treffen die Reisebusse ein, und vor den Führungen bilden sich Wartezeiten. Wer früh von Moselkern aus loswandert, hat den Weg durch das Elzbachtal fast für sich.

Schiff, Bahn oder Auto: unterwegs im Tal

Die klassische Art, das Mittelrheintal zu bereisen, ist das Schiff. Die Köln-Düsseldorfer (KD) verbindet von Frühjahr bis Herbst die Orte zwischen Rüdesheim und Koblenz im Linienverkehr; die Kernstrecke zwischen Rüdesheim und St. Goar ist die lohnendste, denn hier passiert man Bacharach, die Pfalz bei Kaub, Oberwesel und die Loreley. Talwärts, also flussabwärts, ist das Schiff spürbar schneller als bergwärts – für die Strecke Rüdesheim–St. Goar sollte man je nach Richtung etwa anderthalb bis drei Stunden einplanen.

Die Bahn ist die schnelle Alternative und ein Erlebnis für sich. Auf der linken Rheinstrecke zwischen Koblenz und Mainz fährt die Mittelrheinbahn im Stundentakt und hält unter anderem in Boppard, St. Goar, Oberwesel und Bacharach; die Fahrt verläuft fast durchgehend in Sichtweite des Flusses. Auf der rechten Seite bedient eine zweite Linie St. Goarshausen und Kaub. So lässt sich fast jede Burg ohne Auto erreichen, und man muss sich um Parkplätze in den engen Ortskernen nicht kümmern. Das Auto spielt seine Stärke erst an der Mosel aus, wo die Bahnanbindung dünner ist – etwa für die Kombination aus Burg Eltz, Cochem und den Moselschleifen.

Stayhaus-Tipp: Kombinieren Sie Schiff und Bahn zu einem Rundweg: mit der KD von Rüdesheim oder Bacharach flussabwärts nach St. Goar, dort über die Burg Rheinfels, zurück mit der Mittelrheinbahn in wenigen Minuten. So sieht man das Tal vom Wasser aus, ohne den halben Tag an Bord zu verbringen.

Riesling, Weinfeste und Straußwirtschaften

Das Mittelrheintal ist eines der kleinsten deutschen Weinanbaugebiete, aber eines der markantesten: Die Reben stehen in Steillagen über dem Fluss, gehalten von Trockenmauern aus Schiefer, und die Leitrebsorte ist mit großem Abstand der Riesling. Der Schieferboden gibt ihm eine mineralische, oft leicht rauchige Note; in Lagen wie dem Bopparder Hamm – der größten zusammenhängenden Steillage des Tals – oder rund um Bacharach entstehen Weine, die mit denen von Mosel und Rheingau mühelos mithalten. An der Mosel selbst, etwa um Cochem, kommen die berühmten Terrassenlagen hinzu.

Am nächsten kommt man den Winzern in einer Straußwirtschaft: Dort schenken Weingüter für einige Wochen im Jahr den eigenen Wein im Hof oder Keller aus, dazu gibt es einfache Küche – Spundekäs, Winzervesper, Flammkuchen. Ein grüner Strauß oder Besen über der Tür zeigt an, dass geöffnet ist. Im September und Oktober folgt ein Weinfest auf das andere, von Bacharach über Oberwesel bis St. Goar; dann werden Federweißer und Zwiebelkuchen serviert, und die Orte sind spürbar voller. Wer es ruhiger mag, kommt im Frühsommer.

Übernachten: die richtigen Standorte

Für ein Wochenende genügt ein einziges Standquartier, denn die Entfernungen im Tal sind kurz. Die Wahl des Ortes prägt allerdings den Charakter der Reise – ein Überblick über die bewährten Basisorte:

OrtLageDas spricht dafür
BacharachLinkes RheinuferFachwerkgassen, Stadtmauer, Ruine der Wernerkapelle, viele Weingüter; einer der stimmungsvollsten Orte des Tals
OberweselLinkes RheinuferFast vollständig erhaltene Stadtmauer mit Türmen, Schönburg oberhalb; ruhiger als die bekannteren Nachbarn
St. GoarLinkes Rheinufer, gegenüber der LoreleyBurg Rheinfels, KD-Anleger, Fähre nach St. Goarshausen; zentralster Ausgangspunkt für Loreley und Burgenrunde
BoppardLinkes Rheinufer, an der großen RheinschleifeSesselbahn zum Vierseenblick, Weinlage Bopparder Hamm, gute Bahn- und Schiffsanbindung Richtung Koblenz
Cochem an der MoselMoseltalReichsburg über dem Ort, guter Ausgangspunkt für Burg Eltz und die Moselschleifen; kombinierbar mit dem Rheintal

Wer lieber in einer Stadt mit größerer Hotelauswahl wohnt und Tagesausflüge macht, nimmt Koblenz am Nordende des Tals – oder gleich Köln, von wo aus die Züge in etwa einer Stunde in Boppard sind. Dort ist das Angebot breiter und oft günstiger als in den kleinen Rheinorten, gerade an Weinfest-Wochenenden: günstige Hotels in Köln finden Sie bei Stayhaus ebenso wie Hotels in ganz Deutschland – vom Weinhotel mit Rheinblick bis zum Stadthotel für die Anreise.

Praktische Informationen

Anreise: Das Mittelrheintal liegt zwischen zwei großen Drehkreuzen. Von Frankfurt am Main und seinem Flughafen erreicht man Rüdesheim oder Bingen in rund einer Stunde, von Köln ist Koblenz mit dem Zug in etwa einer Stunde erreichbar, Boppard wenig später. Beide Städte eignen sich gut als erste oder letzte Station der Reise.

Beste Reisezeit: Mai bis Anfang Oktober, wenn Schiffe und Burgen voll in Betrieb sind. Die Weinfeste konzentrieren sich auf September und Oktober. Burg Eltz schließt von Anfang November bis Ende März, die Marksburg ist ganzjährig geöffnet.

Tickets und Kosten: Burgeneintritte liegen meist bei ca. 8–15 € pro Person, Schiffspassagen auf der Kernstrecke bei ca. 15–30 €. Für Bahnfahrten im Tal lohnt sich ein Tagesticket des Verkehrsverbunds; die Fähren über den Rhein kosten für Fußgänger wenige Euro.

Zu Fuß: Wer wandern will, findet mit dem Rheinsteig (rechtes Ufer) und dem RheinBurgenWeg (linkes Ufer) zwei Fernwanderwege, die fast alle genannten Burgen verbinden. Einzelne Etappen wie Kaub–St. Goarshausen über die Loreley lassen sich gut als Tagestour gehen, Rückfahrt mit der Bahn.